Die Region sei in Zukunft für alle Kostenfaktoren in der Berufsausbildung zuständig, d.h. sowohl für die Beschäftigten in der Berufsschule als auch für die baulichen und investiven Angelegenheiten. Die Höhe der Zuwendungen hinge dann von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region ab. In der Region Jaroslawl gebe es 44 Berufsschulen und 29 Berufsfachschulen, 16000 Schüler und 900 Schüler im Fernstudium. In 96 Berufen würde in den Berufsschulen ausgebildet und nur 4,4% der ausgebildeten Berufsfachschüler fänden keinen Arbeitsplatz in der Wirtschaft. Bedauerlichweise seien jedoch nur 68% aller Lehrerplanstellen besetzt, sodass pensionierte Lehrkräfte sich durch Weiterbeschäftigung ihre Pension verbessern könnten.
Die Lehrkräfte als auch die Schulleitungen würden einem permanenten Bewertungsverfahren durch eine außerschulische Kommission unterliegen, welches auch Einfluss auf das Gehalt der Lehrkräfte hätte. Zugleich sei es den Schulleitungen möglich, im Rahmen ihres Schulhaushaltes ebenfalls noch Leistungszulagen an Lehrkräfte weiterzugeben.
Mit diesen umfassenden Informationen versehen, erfolgte im Beisein des Leiters der Handwerkskammer und einem Mitarbeiter der Regionalverwaltung der Besuch der unterschiedlichsten beruflichen Einrichtungen.
So wurde eine Berufsschule für Metallverarbeitung und deren Werkstätten sowie ein berufliches Gymnasium - Berufsschule Nr. 2 - besucht (dieses ist aber keinesfalls mit der Struktur eines beruflichen Gymnasiums in Hessen vergleichbar, sondern entspricht vielmehr der Struktur einer Berufsfachschule, die zu einem mittleren Bildungsabschluss führt). Auch hier war wieder auffällig unter welchen erschwerten materiellen Bedingungen eine Grundausbildung im Metallgewerbe erfolgt.
Bei der Besichtigung der Berufsschule Nr. 11 (die Berufsschulen in der Stadt Region sind nur anhand von Nummernzuweisungen erkenntlich und haben im Gegensatz zu deutschen Schulen keinen Namenszusatz einer herausragenden Persönlichkeit des Landes) wurden Strukturen einer Produktionsschule deutlich, die Produkte wie z.B. Holztüren und –fenster produziert und durch den Verkauf an private Interessenten ihr Schulbudget verbessert. Schüler erhalten in dieser Schule wie auch in den anderen Berufsschulen ein Schulbesuchsgeld, das aber nur 1€ pro Schultag ausmacht.
Einen Schwerpunkt der Informationsfahrt nahm der Besuch einer Berufsfachschule für Bauwesen und Management in Jaroslawl ein. Auf diese in Jaroslawl bedeutende Berufsfachschuleinrichtung (sie ähnelt ungefähr bei uns den Strukturen der Assistentenausbildung, Fachoberschule und Berufliches Gymnasium und enthält Teile einer Technikerausbildung) richteten die marburger Berufsschulexperten ihre besondere Aufmerksamkeit..
Die Baufachschule Jaroslawl wird von dem Schuleiter Nikolai Golub geleitet und wurde schon mehrfach als erfolgreiche Baufachschule der Region ausgewiesen. Durch jährlich regionale Wettbewerbe wird in der Region Jaroslawl in unterschiedlichen Scherpunkten die beste Schule und der beste Schüler ermittelt.
Die Baufachschule ist zugleich – und dies stellt zum deutschen System eine wichtige Neuerung dar – Mitglied der Handwerkskammer in Jaroslawl. Und so war es selbstverständlich, dass der Leiter der Handwerkskammer, Herr Wladimir Schibanow, auch hier wieder bei der Besichtigung und dem Empfang in der Baufachschule anwesend war.
Diese berufliche Einrichtung bildet gegenwärtig ca. 2300 Schüler in mehr als 24 Berufen aus. Sie umfasst ein Kollegium von 180 Lehrkräften, die je nach Leistungsbewertung unterschiedlich entlohnt werden. Das geringste Gehalt liegt hierbei bei 150€ im Monat. Der Schulleiter verdient das Zehnfache dieses Betrages.
Neben dem Bauwesen werden in der Schule auch Informatiker, Vermessungstechniker sowie Fachkräfte in der Werbungstechnik ausgebildet. Auch hier ist es möglich, dass die Berufsschule Produktionsaufträge von außerhalb der Schule in ihr Arbeits- und Ausbildungsspektrum mit aufnimmt und dementsprechend auch entlohnt wird.
Im Gegensatz zu den normalen berufsvorbereitenden Berufsschulen müssen sich die 15 – 16 jährigen Schüler bei dieser Schule um einen Ausbildungsplatz bewerben – zumeist entfallen auf einen Ausbildungsplatz 2 -3 Bewerber - und Schulgeld zahlen. Mit dem Schulgeld erwirtschaftet die Schule 2/3 ihres Budgets, das sich auf ca. 44 Millionen Rubel = 1,2 Millionen Euro jährlich beläuft. Davon sind bauliche und investive Kosten, aber auch die Personalkosten zu begleichen.
Ein sehr großes Interesse zeigte die Schulleitung der Baufachschule an der Zusammenarbeit mit der Adolf-Reichwein-Schule in Marburg. Bei einem Rundgang durch die Präsentation der jährlich vorzustellenden Diplomarbeiten der Auszubildenden der Schule im Rahmen einer Schulmesse wurde das große Leistungsspektrum der Schüler und der Schule deutlich.
Gemeinsam mit dem Schulleiter der Adolf- Reichwein-Schule, Norbert Herlein und dem Schuleiter der Baufachschule, Herrn Golub, und im Beisein des Geschäftsführers der Handwerkskammer, Herrn Schibanow, wurden für dieses Jahr ein Gegenbesuch in Marburg im Herbst vereinbart und der gemeinsame Wille bekräftigt, berufliche Informationen auszutauschen und zu einer gemeinsame Zusammenarbeit im Rahmen einer berufsbezogenen deutsch-russischen Kooperation auf unterschiedlichsten Wegen zu finden. Angedacht wurde hierbei, ob nicht eine Gruppe von russischen Fachschülern im kommenden Jahr deutsche Ausbildungseinrichtungen besucht und dort Qualifizierungslehrgänge in modernen Bautechniken durchlaufen könnten.
Der Abschluss der Besichtigungs- und deutsch-russischen Gesprächsreihe in Jaroslawl wurde durch den Besuch der Wolgagaststätte gekrönt, die dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Handwerkskammer in Jaroslawl gehört und der an diesem Abend die deutsche Delegation recht herzlich in seinem Betrieb willkommen hieß. Und auch hier wieder konnten Norbert Herlein, Rolf Daniel und Georg Eimer die Herzlichkeit, Gastlichkeit und Offenheit der russischen Gastgeber bewundern und das Gelingen der geplanten partnerschaftlichen Zusammenarbeit betonen.
Die restlichen Aktivitäten waren seitens der deutsche Gruppe auf die Erkundung jener Sehenswürdigkeiten ausgerichtet, die bei einem geplanten Besuch deutscher Auszubildender in Russland in Frage kommen könnten. Die kulturelle Vielfalt und den Reichtum des Landes aber auch die sozialen und gesellschaftlichen Problembereiche. Aber auch Chancen eines riesigen Wirtschaftswachstumraums für die Industrie und Wirtschaft der europäischen Länder der EU und insbesondere Deutschlands.
Der letzte Tag vor dem Abflug verbrachte die Delegation in Moskau. Beeindruckend waren die ungeheuren Bautätigkeiten und es stellte sich die Frage, inwieweit sich hier auch zukünftige Betätigungsfelder für deutsche mittelständische Betriebe auftun könnten. Moskau, und das wurde aber auch im Vergleich zu Jaroslawl und den anderen Regionen deutlich, ist zwar eine außerordentlich europäische und bewundernswerte Weltstadt und mit 9 Millionen Menschen die prosperierende Hauptstadt Russlands, aber zugleich verkörpert es nicht das gesellschaftliche Leben und die soziale Lage der Menschen in Russland.
Zum Schluss muss noch einmal die außerordentliche Gastlichkeit und die herzliche Aufnahme sowie die konstruktiven Gespräche hinsichtlich einer gemeinsam zu entwickelnden Berufsausbildungshilfe mit unseren russischen Gesprächspartnern betont werden. Und so freut sich die Schulleitung der Adolf-Reichwein-Schule schon jetzt darauf, die russischen Gesprächspartner im September oder Oktober dieses Jahres willkommen heißen zu dürfen.
Norbert Herlein Marburg
Jaroslawl / Moskau, 29.05.2004