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Datum: 18.05.12

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Besuch der ARS in Jaroslawl

Herr Herlein, Herr Schibanow
und Frau Weschnaikowa

Marburger Berufsschule nimmt partnerschaftliche Kontakte zur russischen Handwerkskammer in Jaroslawl und einer Berufsfachschule auf. In der vergangenen Woche weilte eine Delegation von drei Berufsschullehrern der Adolf-Reichwein-Schule, der gewerblich beruflichen Berufsschule der Universitätsstadt Marburg, die russischen Partnerregion Hessens, Jaroslawl. Die Lehrer besuchten in der gleichnamigen Landeshauptstadt (600 000 Einwohner) die Jaroslawler Einrichtungen der beruflichen Bildung. Ziel dieser Reise nach Jaroslawl war - so der Leiter der Delegation, der Schulleiter Norbert Herlein – die friedliebende Zusammenarbeit der Völker in Europa nicht an den Grenzen der europäischen Gemeinschaft enden zu lassen, sondern die Menschen des russischen Kernlandes in die europäische Entwicklungsarbeit mit einzubeziehen. Speziell ging es hierbei um den Bereich der Berufsschularbeit und der gemeinsamen Kooperation zwischen den Partnern der Ausbildung – insbesondere auch der beruflichen Ausbildung in der Bauwirtschaft. Infolgedessen gehörten der Delegation neben dem Schulleiter noch der Abteilungsleiter für den Bereich des Bauwesens an der Adolf-Reichwein-Schule, Rolf Daniel, und der Personalratsvorsitzende und Theorielehrer für den Baubereich, Georg Eimer, an. Diese Reise, die vom hessischen Koordinationsbüro der hessischen Landesregierung in Jaroslawl organisiert und planerisch begleitet wurde, kam in Folge einer Einladung der russischen Regionalverwaltung in der Jarolslawl Oblast zustande.  

Während ihres Aufenthaltes wurde die deutsche Delegation durch Frau Swetlana Weschnajkowa, die als Dolmetscherin den fachlichen und sprachlichen Austausch in hervorragender Art und Weise sicherstellte, begleitet und betreut. Ein Drittel der Reisesumme wurde durch Spenden der heimischen Industrie und durch Einzelspenden politischer Repräsentanten der mittelhessischen Region ermöglicht; einen Großteil der Kosten trugen die Delegationsteilnehmer selbst. Die Geschenke für die Gesprächspartner in Russland stiftete die Fa. Ferrero in Stadtallendorf.


Die Delegation wurde durch den Geschäftsführer der Handwerkskammer Jaroslawl, Herrn Wladimir Schibanow, empfangen. Herr Schibanow begleitete die marburger Berufsschulexperten während der gesamten Dauer ihrer Besichtigungen in der Region Jaroslawl. Im Rahmen eines Einführungsgespräches informierte er über die Struktur und Entstehungsgeschichte der Jaroslawler Handwerkskammer und wies darauf hin, dass diese Einrichtung vor ca. 5 Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Kassel aufgebaut worden sei. Dadurch seien erste Hilfestellungen für die Initiierung eines mittelständischen Handwerksprozess in der Stadt und der Region Jaroslawl gegeben worden. Gegenwärtig umfasst die Handwerkskammer in Jaroslawl 9 Vereine mit 170 juristischen Personen und 11000 Mitgliedern. Die Mitgliedschaft, so Herr Schibanow, sei freiwillig. Dadurch bedingt seien aber leider nicht alle Handwerksbetriebe in der Region Jaroslawl Mitglied der Kammer.
Drei Schwerpunktaufgaben, so Herr Schibanow, kennzeichnen den Arbeitsprozess der Handwerkskammer in Jaroslawl: die Vertretung der Firmen vor Gericht, die informative Mitwirkung bei der Gesetzgebung in der Region und der Stadt sowie im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Berufs- und Berufsfachschulen der Region Fragen der beruflichen Bildung sowie der Aufbau eines eigenen Ausbildungszentrums der Handwerkskammer. Diese Ausbildungsstätte 'Berufskolleg' wurde vor drei Jahren eröffnet und bildet in 15 Berufen aus. Wobei sich das Ausbildungszentrum sich besonders auch leistungsschwachen und sozial Benachteiligten zuwendet.
In Russland ist, wie sich im Laufe der Gespräche ergab, kein duales Ausbildungssystem installiert. Alle russischen Gesprächsteilnehmer waren jedoch davon überzeugt, dass das deutsche duale Ausbildungssystem, d.h. die Ausbildung in Betrieb und Schule, die beste Voraussetzung für eine berufliche Ausbildung und Qualifizierung der russischen Arbeitnehmer sei. Leider aber seien weder die Firmen noch die Region in der Lage, die finanziellen und gesetzlichen Voraussetzungen für dieses System gegenwärtig zu schaffen.

Bei ihrem Besuch des Berufskollegs erlebte die deutsche Delegation auf einer Fläche von 1000m² erschwerte Arbeitsbedingungen von Lehrern und Auszubildenden, die in teilweise unbelüfteten Kellerräumen und mit veralterten Gerätschaften und Unterrichtsmaterialien erfolgreich pädagogisch wirkten. Das monatliche Einkommen der Lehrkräfte, die über einen pädagogischen Hochschulabschluss verfügen, liegt bei ca. 100 – 150€ im Monat.

Insgesamt musste festgestellt werden, dass das Durchschnittseinkommen in Jaroslawl, das 250 km von Moskau entfernt liegt, bei ca. 150 € liegt, während das in Moskau schon auf eine Größe von 1500 € gestiegen ist. Dieser Wohlstandsunterschied ist sowohl im Stadtbild als auch in den Lebensverhältnissen der Menschen in Jaroslawl erkennbar. Und dennoch ist erstaunlich, mit welcher Zuversicht und Optimismus die Jaroslawler Bevölkerung der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung gegenübersteht. Dieses wird auch schon an den baulichen Veränderungen im Stadtbild Jaroslawls deutlich.


Herr Herlein, Frau Karagesjan,
Herr Schibanow, Herr Daniel
und Herr Eimer

In den darauf folgenden Tagen der ersten Kontaktreise führte die Marburger Delegation ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Komitees für Berufsausbildung, Frau Nadeshda Karagesjan, die eine mit der Leiterfunktion für die Berufsausbildung im hessischen Kultusministerium Funktion entsprechende Stellung innehat. Frau Nadeshda Karagesjan erläuterte im Rahmen eines einstündigen Gespräches, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die berufliche Ausbildung gesetzlich geregelt und durch das russische Bildungsministerium finanziert würde. Diese auf den Gesamtstaat Russland bezogene Aufgabe solle aber ab dem 01.01.2005 auf die Regionen (in Deutschland ungefähr Bundesländer) verteilt werden und in Zukunft deren originäre Aufgabe sein. Damit ergäben sich natürlich bedeutsame neue Strukturen und Veränderungen in der beruflichen Ausbildung.


Besichtigung der Produktmesse
in der Berufsfachschule
Herr Golub, Herr Schibanow, Herr Herlein,
Frau Weschnaikowa, Herr Daniel

Die Region sei in Zukunft für alle Kostenfaktoren in der Berufsausbildung zuständig, d.h. sowohl für die Beschäftigten in der Berufsschule als auch für die baulichen und investiven Angelegenheiten. Die Höhe der Zuwendungen hinge dann von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region ab. In der Region Jaroslawl gebe es 44 Berufsschulen und 29 Berufsfachschulen, 16000 Schüler und 900 Schüler im Fernstudium. In 96 Berufen würde in den Berufsschulen ausgebildet und nur 4,4% der ausgebildeten Berufsfachschüler fänden keinen Arbeitsplatz in der Wirtschaft. Bedauerlichweise seien jedoch nur 68% aller Lehrerplanstellen besetzt, sodass pensionierte Lehrkräfte sich durch Weiterbeschäftigung ihre Pension verbessern könnten.
Die Lehrkräfte als auch die Schulleitungen würden einem permanenten Bewertungsverfahren durch eine außerschulische Kommission unterliegen, welches auch Einfluss auf das Gehalt der Lehrkräfte hätte. Zugleich sei es den Schulleitungen möglich, im Rahmen ihres Schulhaushaltes ebenfalls noch Leistungszulagen an Lehrkräfte weiterzugeben.
Mit diesen umfassenden Informationen versehen, erfolgte im Beisein des Leiters der Handwerkskammer und einem Mitarbeiter der Regionalverwaltung der Besuch der unterschiedlichsten beruflichen Einrichtungen.
So wurde eine Berufsschule für Metallverarbeitung und deren Werkstätten sowie ein berufliches Gymnasium - Berufsschule Nr. 2 - besucht (dieses ist aber keinesfalls mit der Struktur eines beruflichen Gymnasiums in Hessen vergleichbar, sondern entspricht vielmehr der Struktur einer Berufsfachschule, die zu einem mittleren Bildungsabschluss führt). Auch hier war wieder auffällig unter welchen erschwerten materiellen Bedingungen eine Grundausbildung im Metallgewerbe erfolgt.
Bei der Besichtigung der Berufsschule Nr. 11 (die Berufsschulen in der Stadt Region sind nur anhand von Nummernzuweisungen erkenntlich und haben im Gegensatz zu deutschen Schulen keinen Namenszusatz einer herausragenden Persönlichkeit des Landes) wurden Strukturen einer Produktionsschule deutlich, die Produkte wie z.B. Holztüren und –fenster produziert und durch den Verkauf an private Interessenten ihr Schulbudget verbessert. Schüler erhalten in dieser Schule wie auch in den anderen Berufsschulen ein Schulbesuchsgeld, das aber nur 1€ pro Schultag ausmacht.

Einen Schwerpunkt der Informationsfahrt nahm der Besuch einer Berufsfachschule für Bauwesen und Management in Jaroslawl ein. Auf diese in Jaroslawl bedeutende Berufsfachschuleinrichtung (sie ähnelt ungefähr bei uns den Strukturen der Assistentenausbildung, Fachoberschule und Berufliches Gymnasium und enthält Teile einer Technikerausbildung) richteten die marburger Berufsschulexperten ihre besondere Aufmerksamkeit..

Die Baufachschule Jaroslawl wird von dem Schuleiter Nikolai Golub geleitet und wurde schon mehrfach als erfolgreiche Baufachschule der Region ausgewiesen. Durch jährlich regionale Wettbewerbe wird in der Region Jaroslawl in unterschiedlichen Scherpunkten die beste Schule und der beste Schüler ermittelt.

Die Baufachschule ist zugleich – und dies stellt zum deutschen System eine wichtige Neuerung dar – Mitglied der Handwerkskammer in Jaroslawl. Und so war es selbstverständlich, dass der Leiter der Handwerkskammer, Herr Wladimir Schibanow, auch hier wieder bei der Besichtigung und dem Empfang in der Baufachschule anwesend war.

Diese berufliche Einrichtung bildet gegenwärtig ca. 2300 Schüler in mehr als 24 Berufen aus. Sie umfasst ein Kollegium von 180 Lehrkräften, die je nach Leistungsbewertung unterschiedlich entlohnt werden. Das geringste Gehalt liegt hierbei bei 150€ im Monat. Der Schulleiter verdient das Zehnfache dieses Betrages.
Neben dem Bauwesen werden in der Schule auch Informatiker, Vermessungstechniker sowie Fachkräfte in der Werbungstechnik ausgebildet. Auch hier ist es möglich, dass die Berufsschule Produktionsaufträge von außerhalb der Schule in ihr Arbeits- und Ausbildungsspektrum mit aufnimmt und dementsprechend auch entlohnt wird.

Im Gegensatz zu den normalen berufsvorbereitenden Berufsschulen müssen sich die 15 – 16 jährigen Schüler bei dieser Schule um einen Ausbildungsplatz bewerben – zumeist entfallen auf einen Ausbildungsplatz 2 -3 Bewerber - und Schulgeld zahlen. Mit dem Schulgeld erwirtschaftet die Schule 2/3 ihres Budgets, das sich auf ca. 44 Millionen Rubel = 1,2 Millionen Euro jährlich beläuft. Davon sind bauliche und investive Kosten, aber auch die Personalkosten zu begleichen.

Ein sehr großes Interesse zeigte die Schulleitung der Baufachschule an der Zusammenarbeit mit der Adolf-Reichwein-Schule in Marburg. Bei einem Rundgang durch die Präsentation der jährlich vorzustellenden Diplomarbeiten der Auszubildenden der Schule im Rahmen einer Schulmesse wurde das große Leistungsspektrum der Schüler und der Schule deutlich.

Gemeinsam mit dem Schulleiter der Adolf- Reichwein-Schule, Norbert Herlein und dem Schuleiter der Baufachschule, Herrn Golub, und im Beisein des Geschäftsführers der Handwerkskammer, Herrn Schibanow, wurden für dieses Jahr ein Gegenbesuch in Marburg im Herbst vereinbart und der gemeinsame Wille bekräftigt, berufliche Informationen auszutauschen und zu einer gemeinsame Zusammenarbeit im Rahmen einer berufsbezogenen deutsch-russischen Kooperation auf unterschiedlichsten Wegen zu finden. Angedacht wurde hierbei, ob nicht eine Gruppe von russischen Fachschülern im kommenden Jahr deutsche Ausbildungseinrichtungen besucht und dort Qualifizierungslehrgänge in modernen Bautechniken durchlaufen könnten.

Der Abschluss der Besichtigungs- und deutsch-russischen Gesprächsreihe in Jaroslawl wurde durch den Besuch der Wolgagaststätte gekrönt, die dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Handwerkskammer in Jaroslawl gehört und der an diesem Abend die deutsche Delegation recht herzlich in seinem Betrieb willkommen hieß. Und auch hier wieder konnten Norbert Herlein, Rolf Daniel und Georg Eimer die Herzlichkeit, Gastlichkeit und Offenheit der russischen Gastgeber bewundern und das Gelingen der geplanten partnerschaftlichen Zusammenarbeit betonen.
Die restlichen Aktivitäten waren seitens der deutsche Gruppe auf die Erkundung jener Sehenswürdigkeiten ausgerichtet, die bei einem geplanten Besuch deutscher Auszubildender in Russland in Frage kommen könnten. Die kulturelle Vielfalt und den Reichtum des Landes aber auch die sozialen und gesellschaftlichen Problembereiche. Aber auch Chancen eines riesigen Wirtschaftswachstumraums für die Industrie und Wirtschaft der europäischen Länder der EU und insbesondere Deutschlands.

Der letzte Tag vor dem Abflug verbrachte die Delegation in Moskau. Beeindruckend waren die ungeheuren Bautätigkeiten und es stellte sich die Frage, inwieweit sich hier auch zukünftige Betätigungsfelder für deutsche mittelständische Betriebe auftun könnten. Moskau, und das wurde aber auch im Vergleich zu Jaroslawl und den anderen Regionen deutlich, ist zwar eine außerordentlich europäische und bewundernswerte Weltstadt und mit 9 Millionen Menschen die prosperierende Hauptstadt Russlands, aber zugleich verkörpert es nicht das gesellschaftliche Leben und die soziale Lage der Menschen in Russland.

Zum Schluss muss noch einmal die außerordentliche Gastlichkeit und die herzliche Aufnahme sowie die konstruktiven Gespräche hinsichtlich einer gemeinsam zu entwickelnden Berufsausbildungshilfe mit unseren russischen Gesprächspartnern betont werden. Und so freut sich die Schulleitung der Adolf-Reichwein-Schule schon jetzt darauf, die russischen Gesprächspartner im September oder Oktober dieses Jahres willkommen heißen zu dürfen.

Norbert Herlein Marburg
Jaroslawl / Moskau, 29.05.2004



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