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Datum: 18.05.12

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Die schwersten Ausschreitungen gegen Juden

Eine der schwersten Ausschreitungen gegen jüdische Bürger in Marburg ereignete sich am 9. April 1935.

Der jüdische Schuhhausbesitzer Josef Spinat wollte, nachdem er immer weniger Umsatz machte, sein Geschäft in der Wettergasse 25 schließen. Eigentlich wollte er seine gesamten Waren an die Schuhmacher-Innung verkaufen, da er beführchtete bei einem Ausverkauf - durch den Boykott jüdischer Geschäfte - nicht alle Waren zu verkaufen und auf Restbeständen sitzen zu bleiben. Die Schuhmacher-Innung wollte Ihm jedoch nur 40% des Wertes der Schuhe bezahlen. Also meldete er doch ein Ausverkauf über den April an. 
Die Kunden wurden durch SA-Männer und Mitglieder der Schuhmacher-Innung gehindert in seinen Laden zu gehen. Obwohl ihm weitere Steine in den Weg gelegt wurden, die ihn jedoch nicht am Ausverkauf hinderten, kam es am 9. April gegen 14 Uhr zu der Ausschreitung. Eine Gruppe (zehn bis fünfzehn Studenten und SA-Anhänger) stürmten mit judenfeindlichen Rufen und Todesdrohungen den Laden von Josef Spinat und seine Familie. Josef Spinat, seine Frau, eine Auszubildende und zwei Aushilfskräfte flohen. Die Eindringlinge folgten ihnen nicht, sondern zerstörten das Ladeninventar und verteilten Schuhe und den Kasseninhalt (200 RM) auf der Straße vor dem Geschäft.

Josef Spinat floh nach diesm Vorfall mit seiner Familie nach Wiesbaden, kehrte nie mehr nach Marburg zurück und wanderte im gleichen Jahr noch nach Palästina aus. Die Stadt Marburg bezahlte weder den Schaden (laut Josef S. 11954,70 RM), noch ging sie gerichtlich gegen die Täter vor, da der Tatbestand nur "grober Unsinn" sei. Josef Spinat wurde selbst die Schuld zugeschoben, da er durch eine "Erregung in der Öffentlichkeit" selbst die Verantwortung trage.


Der Terror gegen die Geschwister Stern

Einem Monat nach dem Fall Spinat gab es einen weiteren Fall des Terrors gegen jüdische Bürger. Die Geschwister Sally und Betty Stern betrieben in der Heusigerstraße 3 einen Laden mit Ölen, Farben und Fetten. Gleichzeitig waren sie Hausbesitzer und hatten schon einige Zeit Probleme mit ihren arischen Mietern um die Benutzung der Waschküche und des Bodens. Nachdem die oberhessische Zeitung Betty Stern vorwarf einen zwölfjährigen Jungen als "Gauner, verdammter Bengel" beschimpft zu haben und diese Geschichte als "jüdischen Anmaßungen" zu verbreiten, kam es zu den Ausschreitungen. Der Terror begann mit plakatgroßen Steckbriefen in der Stadt und das Jungvolk versammelte sich vor dem Haus der Sterns. zu diesem Zeitpunkt hatten diese jedoch Marburg schon verlassen. in der Zeit ihrer Abwesenheit gab es mehrere Zerstörungsakte in dem Haus der Sterns sowohl von der HJ, als auch dem BDM. Als Herr Stern zurückkam erklärte er die Verwaltung seines Hauses ab nun dem Marburger Grund- und Hausbesitzervereins zu übertragen. Sein Geschäft betrieb er jedoch weiterhin.
Bei den steigenden Ausschreitungen gegen Juden sah sich Innenminister Frick aus außen- und wirtschaftspolitischen Gründen gezwungen Folgendes am 20. August 1935 zu verkünden:
"Einzelaktionen gegen Juden von Mitgliedern der NSDAP, ihrer Gliederungen und der angeschlossen Verbände unbedingt zu unterbinden haben. Wer hiernach noch an Einzelaktionen gegen Juden teilnimmt oder dazu anstiftet, muß in Zukunft als Provokateur, Rebell und Staatsfeind betrachtet werden."


Propagandafahrten in ganz Hessen

Im August umd Septemer des Jahres 1935 wurden mehrere Propagandafahrten durch Marburg und die angrenzenden Ortschaften gemacht. Vor allem waren die Fahrten dazu ausgelegt, dass die antisimitische Gesinnung der NSDAP verbreitet werden konnte. Es gab Wagen, worauf groß und gut zu lesen war, dass Juden die Staatsfeinde Nr. 1 waren. Da überall bekannt war, das Propagandafahrten gemacht wurden, kannte man z. B. schon am Ortsschild von Cölbe die Worte "Juden sind hier nicht erwünscht" lesen. Um zu demonstrieren, wie stark die Männer von der SA waren, die auf den Wagen mitfuhren, wurden künstliche Hindernisse angelegt und diese dann wieder in kürzester Zeit bei Seite geräumt. Alle, die bei diesen Fahrten mitmachten, freuten sich schon lange Zeit zuvor so sehr, dass man denken könnte, es gäbe ein Volksfest.

Diese Propagandafahrten wurden aber nicht nur rund um Marburg herum, sonder auch für längere Strecken angesetzt. Am 18. August fand z.B. eine Fahrt nach Kassel statt, wo 10000 Menschen mit 200 Wagen mitfuhren. Während der Fahrt wurden meist Kampflieder oder Lieder gegen die Juden gesungen. So schfften sie es, dass die Judenfrage in jedem Munde war und nicht drohte in Vergessenheit zu geraten.

Hierzu muss man aber auch noch sagen, dass nicht nur Marburg solche Fahrten machten. Andere Städte wie Frankenberg, Cölbe und Gladenbach veranstalteten ebenfalls Propagandafahrten.


Die ersten Stürmer Kästen

Auch in Marburg wurden sogenannte'Stürmer Käste' aufgestellt, da nach dem Gauleiter von Franken, Julius Streicher, der Boden für die bevorstehenden Gesetze gegen Juden bereitet werden sollte. Am 25. Juni 1935 wurde dann der erste Stürmer Kasten an der Ecke Bahnhofstraße/Auto- Umgehungsstaße (heute Krummbogen)
aufgehängt. Der Stürmer wurde von Julius Streicher in Nürnberg herausgegeben. In den Kästen wurde dieses Hetzblatt und eine Listen jüdischer Geschäfte aufgehängt. Auch wurden im Kasten Listen derer aufgehängt die bei Juden einkauften. Durch Proteste bei der Polizei wurden diese Listen jedoch wieder entfernt und erst später wieder aufgehängt. Jedoch durch erneute Proteste gegen die Listen wurde auf persönliche Anfeindungen verzichtet. Auch gab es Protest gegen manche Stürmer selbst, da die Jugendlichen in ihnen Dinge lesen konnten, die nach Meinung ihrer Eltern nicht für sie bestimmt waren. Die Polizei entschied, dass ab da jeder Stürmer bei der Polizei vorher gelesen und für tauglich befunden werden musste. Ab dem 12. Juni gab es dann auch noch mehr Kästen in Marburg zu Beispiel an der Ecke Pilgrimstein/Biegenstaße. Auch für den Landkreis gibt es für diesen Zeitraum zahlreiche Hinweise über die Aufstellung solcher Kästen. Dies ist mit Sicherheit kein Zufall, da die Stimmung hinsichtlich des Reichsparteitages in Nürnberg verändert werden sollte.


10 von 46 Bertieben hören auf zu existieren

Wegen dem starken antisimitischen Vorgehen im Laufe des Jahres 1935, hörten 8 jüdische Betriebe auf zu existieren und zwei weitere wurden arisiert, d.h. alle jüdischen Mitarbeiter wurden entlassen und Arier an ihrer Stelle in den Betrieb eingestetzt. Dabei ist zu bedenken, dass nur 46 jüdische Unternehmen insgesamt vor 1935 existierten. Die zehn noch existierenden Betriebe waren:

1. Das Schuhhaus Spinat:
Siehe Artikel "Die schwersten Ausschreitungen gegen Juden"

2. Der Damenschneidereibetrieb von Helene Stern im Haus Am Grün 44:
Sie ging mit ihrer Mutter, die noch im Mai des gleichen Jahres starb, nach Battenberg zu Verwante.

3. Das Immobilienbüro von Simon Ziegelstein:
Er zog mit seiner Frau Emilie nach Frankfurt und wanderte anschließend in die USA aus.

4. Die Mezgerei von Hermann Nassauer in der Barfußstraße 9:
Ab 1936 arbeitetet Hermann Nassauer noch einmal am Schlachthof, schaffte es aber im Jahre 1938 in die UAS auszuwandern.

5. Die En-Gros- Handlung für Schokolade und Süßwaren von Berthold Fürst in der Biegenstraße 29:
Seiner Familie gelang die Auswanderung nach Argentinien, wobei seine Firma von einem Zuckerware-Großhandel "arisiert" wurde.

6. Das Warenhaus Heineberg & Co. von Selmar Frank im Steinweg 2 1/2:
Zuvor war das Warenhaus sehr angesehen und hatte eine reiche Auswahl an Produkten. Nachdem jedoch Selmar Frank Konkurs anmeldete, versuchte er als Vertreter zu arbeiten. Nach dem Tod seiner Frau zogen er und sein Sohn in das Gettohaus Strauß in der Wettergasse 2. Zum Beginn des Krieges schaffte Herr Frank mit seinem Sohn die Emigration in die USA.

7. Das Korstetthaus Aron:
Es wurde arisiert und die Inhaberin Laura Aron wurde 1942 in dem Getto Theresienstadt gebracht und ermordet. 

8. Das Etagengeschäfft für Wäsche, Textilien und Bestecke in der
Liebigstraße 21 von Hirsch Brender:
Er wanderte Ende 1935 nach Palästina aus.

9. Die Maklerfirma für Grundstücke und Immobilien in der Wörthstraße 20 von Levy Stern:
Hiebei muss jedoch bedacht werden, dass Levy bereits 80 Jahre als war und ihren Beruf ohnehin nicht mehr nachgehen konnte.

10. Das Handelgeschäft für Vieh und Manufakturwaren von Karl Baum in der Werderstraße 4:
Man hatte Karl Baum den Gewerbeschein entzogen.

 

Lucas Nahrgang, Marc Philipp und Sebastian Wagner

 

 

 



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Die Nürnberger Rassengesetze

Ein großer Einschnitt in das Leben der Marburger Juden begann mit den Nürnberger Gesetzten, die am 15. September 1935 beschlossen wurden. Die zentralen Punkte waren das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre:
"§1: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen des deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind.
§2: Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten.
§3: Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwanten Blutes unter 45 Jahren nicht mehr in ihrem Haushalt beschäftigen."
Und §2 Absatz 1 des Reichsbürgergesetzes:
"Reichsbürger ist nur der Staatsbürger deutschen oder artsverwandten Blutes..."


Reaktionen auf die Rassengesetze

In einem Bericht des derzeitigen Marburger Oberbürgermeister zu den Nürnberger Rassengesetzen heißt es: "Von der hiesigen Bevölkerung freudig aufgenommen". Dies ist kein Wunder, den die Rassenschande wurde von den Marburgern auch schon vorher verfolgt. Schon im August 1933 musste ein jüdischer Student mit dem Schild "Ich habe ein Christenmädchen geschändet" durch die Straßen laufen.

Die Oberhessische Zeitung erläuterte die Gesetze sogar sehr ausführlich und stellte unter anderem fest, "daß diejenigen jüdischen Haushalte vom Gesetz betroffen waren, in denen ein jüdischer Mann über 16 Jahren der Haushaltsvorstand war oder der Hausgemeinschaft angehörte." Wenn der Haushalt nur aus Frauen und Kindern bestand, fiel er nicht unter das Gesetz. 

Ein kurzer, rein sachlicher Lagebericht der allgemeinen Verwaltungs- und Polizeibehörden zeigt, wie wenig Interesse es in der Bevölkerung und der Politik für die grauenhafte Situation der Juden gab. "Große Sorge bereitet den Juden das Verbot der Beschäftigung arischer Hausangestellter."



NSDAP feiert in Marburg

Am 15. und 16. Juni 1935 feierte die Marburger NSDAP ihr 10jähriges Bestehen in der Innenstadt. Aus diesem für sie großen Anlaß wurde die damalige Schulstaße in Otto-Böckel-Straße umbenannt. In der Oberhessischen Zeitung wurde in einem zweiseitigen Artikel am 15. Juni an Otto Böckel gedacht. Böckel hatte den Antisemitismus in Oberhessen sehr stark mitgestaltet. In dem Artikel wird eine sehr große Lobeshymne auf ihn gesungen. So heißt es, dass Böckel sich durch seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Volkskunde und seiner politischen Tätigkeit, der zwar ein dauernder Erfolg versagt blieb, die aber doch eine wervolle Vorarbeit für den Nationalsozialismus bedeutete und er sich somit für die Marburger NSDAP verdient gemacht hat. Und auch durch sein Mitwirken konnte Adolf Hitler einen großen Sieg über das Deutsche Judentum erlangen. Er als Person solle jedoch auch jedem Volksgenossen  täglich ins Gedächtnis zurückrufen, dass der Kampf gegen das Judentum niemals einschlafen dürfe.


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